Das Haus im Wald Teil 1
Sie lag auf der Wiese, hatte die Beine weit von sich gestreckt und die Arme auf der Brust gefaltet. Ihre dunklen Haare lagen nass vom Morgentau um ihren Kopf herum und schienen dadurch noch dunkler sein. Einer ihrer Schuhe fehlte. Die Haselnussbraunen Augen starr zum Himmel gerichtet, sah es fast aus, als ob sie den vorbeiziehenden Wolken zusehen würde, die über ihr von der aufgehenden Sonne angestrahlt wurden.
„Wie lange ist sie schon tot?“, fragte Bert Brenner.
Der Pathologe Dr. Gerling sah nicht auf als er antwortete.
„Sofern das Thermometer die Wahrheit sagt, seit maximal zwei Stunden.“
Kommissar Brenner sah auf seine Uhr.
„Also seit fünf Uhr. So wie sie aussieht, war sie Joggen. Ist sie durch den Sturz ums Leben gekommen?“
„Nein, sie ist eindeutig heruntergestoßen worden.“ Dr. Gerling folgte Brenners Blick den Abhang hinauf. „Etwa von da, würde ich sagen. Aber erst nachdem sie erwürgt wurde.“
„Erwürgt?“
„Ja, sehen sie die roten Pünktchen hier unter ihren Augen? Und hier, an den Fingernägeln finden sie eine bläuliche Verfärbung. Ebenso wie auf den Lippen. Das deutet auf Tot durch Sauerstoffmangel hin.“
„Erwürgt.“, wiederholte Brenner. „Ganz sicher, bevor sie fiel?“
„Sicher. Ihre Hände sind vollkommen unverletzt. Wenn sie bei dem Sturz noch am Leben gewesen wäre, würden sie voller Abschürfungen sein. Sie hätte versucht, sich irgendwo festzuhalten, oder den Sturz abzufangen.“
„Also dann.“ Er drehte sich um und wies die Beamten der Spurensicherung an, die gesamte Gegend um den oberen Bereich des Abhangs abzusperren und nach Spuren abzusuchen.
„Die Frau da hinten hat die Leiche gefunden.“ Grit Sonnenberg kam auf ihren Kollegen Brenner zu. „Sie heißt Kristina Müller und kam vom See aus mit ihrem Hund hier lang. Sie geht die Strecke jeden Morgen. Heute hat ihr Hund gebellt und sich nicht von der Stelle dort“, sie wies auf einen abgesperrten Platz am Abhang, „fortbewegen lassen, bis sie nachgesehen hat. Von hier oben konnte sie nur die Beine unserer Leiche sehen. Nachdem auf ihr Rufen nichts passierte, wählte sie die Nummer des Rettungsdienstes.“
„Hat sie sonst etwas oder jemanden bemerkt?“
„Nein, aber sie behauptet, die Tote zu kennen.“
„Wie bitte?“ Bert Brenner sah seine Kollegin überrascht an. „Wie kommt sie darauf? Ich dachte, sie konnte sie nicht sehen?“
„Sie sagt, diese Frau kommt ihr jeden Morgen am See entgegen gelaufen. Heute nicht. Einer ihrer Turnschuhe lag da vorn, neben dem Lorbeerbusch. Frau Müller ist sich ganz sicher, dass der Schuh zu der Joggerin gehört, die sie heute Morgen nicht in dem üblichen Bereich getroffen hat.“
„Wie sie heißt, konnte sie dir nicht zufällig sagen?“
„Nein. Aber…“
„Ja?“
„Sie soll die Frau sein, die das Haus im Wald gekauft hat.“
Bert Brenner sah seine Kollegin an, als hätte er nicht richtig verstanden. Doch in Grits Augen fand er die Bestätigung.
„Das Haus im Wald“, wiederholte er. Trotz der wärmer werdenden Augustsonne fröstelte es ihm auf einmal.
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